Von Kapverden nach Kapverden – März 1999

21.03.1999

Sonntag, 21. März 1999

Sonntag, 21.03.99 – Der Ernst des Yachtdaseins beginnt doch wieder: Vormittags Schiffs- und Sicherheitseinweisung,
dann geht es um 13.00 h Anker auf. Der Passat weht kräftig, also werden zwei Reffs ins Großsegel gebunden, Raumschotskurs nach Sal-Rei auf Boavista, 27 Meilen in viereinhalb Stunden, tolles Segeln, wenn der Seegang nicht so hoch wäre. Meinen Aldo und Doris wenigstens…
Auf der Insel Sal-Rei, die die Bucht vom gleichnamigen Ort vor Wind und Seegang schützt, ist eine große Fahrtenyacht gestrandet. Menschen versuchen zu retten, was zu retten ist, aber die Yacht liegt so hoch auf den Felsen, das ein Abbergen unmöglich scheint.
Wolfgang schaudert es immer, wenn er das Ende eines großen Traumes auf irgendwelchen Klippen sieht. Als stete Mahnung an alle, die vorbeisegeln, liegen die Rümpfe dann noch ein paar Jahre, bis der Ozean seine Arbeit vollendet hat.
Nach dem Ankermanöver sieht man den Grund für die Strandung: Sal Rei hat eine neue Mole, die noch nirgendwo verzeichnet ist. Die Yacht hat da wohl hingewollt und zu wenig Abstand zur Insel gelassen.
Legerwall nennt man solche Situationen, wo irgendein Schaden am Ruder, am Motor oder an der Takelage schnell zum Schiffsverlust durch auflandigen Wind und zu wenig Platz zum Manövrieren kommt.
Schiffe gehen an Land kaputt, selten auf See! Sage ich ja immer!

22.03.1999

Montag, 22. März 1999

Montag, 22.03.99 – Mit gaaaaanz viel Abstand runden wir morgens die Insel und den gestrandeten Segler und ankern hinter der neuen Mole.
Hier liegt man prima, wenn man erst mal sicher drin ist!
Mit dem Beiboot sind es nur ein paar Ruderschläge bis an eine Treppe in der Mole, dem Landausflug steht also nichts im Wege. Was es hier gibt?
Ein nettes kleines Dorf mit Markt und ein paar Läden, große Dünen, mittlere Dünen, kleine Dünen, türkisfarbenes Wasser, einen Surfbrettverleih am Strand, ein original italienisches Café mit original italienischen Designer-Möbeln und viele Kinder.
Das ist übersichtlich, oder?
Uns gefällt es, aber wir legen trotzdem am Abend zusammen mit der „Eleanor Rymill“ ab, weil die Strecke bis Tarrafal auf Santiago nicht an einem Tag zu schaffen ist und wir im hellen ankommen wollen.
Ganz ruhiges Passatsegeln, nur die Fock gesetzt, sternenklarer Himmel, Wolfgang erklärt die Ekliptik und die Sternzeichen, die Freunde Backbord voraus, sonst nichts. Einfach Nachtfahrt, wie sie im Buche steht.
Und jetzt natürlich auch im Internet!

23.03.1999

Dienstag, 23. März 1999

Dienstag, 23.03.99 – Da stecke ich also morgens meinen Bug so eben in die Bucht von Tarrafal, da machen die Leute auf so einem kleinen Fischerboot wildes Theater.
Dirk sagt: „Fiert mal die Fock, mal gucken, was die wollen.“ Die wollen Sprit sparen.
Umweltschutz ist immer gut, also schleppen wir die drei Jungs mit ihrem Kahn bis nach Tarrafal.
Zum Dank gibt es Blendax-Lächeln in schwarzen Gesichtern über gelbem Ölzeug. Und ob wir ein paar Zigaretten übrig hätten? Aah, Tarrafal…
Vielleicht ist das Paradies doch nicht in Santa Maria, sondern hier?
Hier, wo Palmen am Ufer stehen? Wo der Passat warm über die von der Sonne aufgeheizten Berge in die Bucht weht? Wo von einer Portion Cachupa (Eintopf mit alles, wo gibt) in der Strandbar die halbe Crew satt wird?
Wo der Hafenmeister sich mit Aktenmappe, Pistole, langer Hose und wichtiger Mütze von seinem Gehilfen an Bord rudern läßt, um uns bei einer Tasse Kaffee mitzuteilen, daß alles in Ordnung sein werde, solange wir in seinem Reich weilen und zweihundert Escudos (DM 3,70) für den Gehilfen gespendet werden, weil der ja auch schon über sechzig ist…

24.03.1999

Mittwoch, 24. März 1999

Mittwoch, 24.03.99 – Hier findet der Fischmarkt direkt vor meinem Bug am Strand statt. Die Frauen sitzen erstmal ein Stündchen im Schatten beim Hafenmeister und klönen, tratschen, ratschen.
Wenn die Fischer dann reinkommen und ihre bunten Boote über die Hochwassermarke bis oben auf den Strand ziehen,
geht die große Feilscherei los.
Die Fischer bleiben ganz gelassen, nehmen weiter Barracudas, Thunfisch, Barsche, Papageienfische, Haie und Moränen aus, nur irgendwann nickt einer mit dem Kopf, Geld wandert von einer Hand in eine andere, und dann füllt sich eine Marktfrau ihren Korb oder ihre Schüssel mit irgendeiner Sorte und balanciert das Ganze auf dem Kopf in Richtung Markt.
Der Skipper läßt sich natürlich über’s Ohr hauen und kauft zwei große Wahoos (Elf Kilo) für über dreißig Mark.
Immerhin incl. Ausnehmen und Entschuppen.
Der Rest der Mannschaft erkundet das gebirgige Landesinnere per Minibus und hat Glück: In Assomada ist großer Wochenmarkt. Der wird erfolgreich geplündert, heute abend ist nämlich Bordfest, und da selbst die Eier heile über wolkenverhangene Bergpässe bis hierher geschaukelt wurden, steht dem auch nichts mehr im Wege.
Ich sag‘ schon mal Prost!

25.03.1999

Donnerstag, 25. März 1999

Donnerstag, 25.03.99 – Das mit dem Bordfest war ein toller Erfolg. Zwölfeinhalb Leute waren da:
Christiane, Andreas, Hans und Stina (zwei Jahre alt, das ist die „Einhalbte“!) von der „Eleanor Rymill“, Till und Ulla sind die „anderen“ deutschen Touristen, Fernando, ein Romanistik-Professor aus Amerika und meine fünf Jungs und Mädels. Bis nachts um drei oder so…
Leider muß trotzdem schon um 7.30 h der Anker gelichtet werden, weil die nächste Insel wieder 50 Meilen weiter ist. Und hier nachts irgendwas anzusteuern ist fast unmöglich, deshalb geht es so zeitig raus, denn im hellen ankommen ist halt Pflicht.
Zum besseren Verständnis hier mal eine kleine Sammlung von amtlichen Kommentaren auf den Seekarten:
Warnung: Wegen unvollständiger Vermessung und unbekannten Untiefen ist größte Vorsicht geboten!
Warnung: Die Mißweisungsverhältnisse im Küstengebiet sind unsicher. Die Ortsmißweisung weicht teilweise erheblich von den Kartenwerten ab!
Vorsicht ist wegen des stark von Nordosten auf Boavista zusetzenden Stromes nötig! Erste Ausgabe der Karte:1918!
Naja, und so in dem Stil noch `ne ganze Menge…
Trotzdem, vielleicht sogar auch wegen dieser „kleinen Mängel“ macht das Segeln hier soviel Spaß. Die 50 Meilen bis Fogo fliegen im Passatwind nur so dahin, und um 17.00 h legt mich der Skipper längsseits an eine neue, fast schon fertige Pier in Valle de Cavalleiros. Und da begrüßt uns gleich der Bauleiter aus München!
Servus!

26.03.1999

Freitag, 26. März 1999

Freitag, 26.03.99 – Eigentlich wird der Tag verbummelt. Ein Ausflug zum Vulkan findet nicht statt, weil der angeheuerte „Aluguer“-Fahrer nicht mehr auftaucht.
Apropos Tauchen: Der Baustellentaucher kommt aus Portoroz, die Welt ist ein Dorf…

27.03.1999

Samstag, 27. März 1999

Samstag, 27.03.99 – Aber heute: Doris, Aldo und Dirk erkunden das Inselinnere.
Mit dem Pickup über wilde Schluchten bis in den Krater und dann zu Fuß durch Wälder (!!!!) auf der Nordseite wieder runter. In der Fallinie…
Und dann mit dem Dorfpfarrer und 16 anderen Leuten auf der Ladefläche vom Gemeinde-Toyota zurück um die halbe Insel. Aber lebendig zurück auf der Baustelle!
Meine Wenigkeit, Wolfgang (hat leider keine Wanderschuhe an Bord) und Heike verbringen den Vormittag mit Süßwasserduschen unterm Baustellenschlauch. Und im Städtchen, bei Fisch und kühlem Bier. Und beim Friseur, was allgemeine Heiterkeit bei der Dorfjugend auslöst. Und den Nachmittag verbringen die beiden mit Deckfegen, weil mich die Bauarbeiter gleich nach der Putzaktion wieder einbetoniert haben…
Zum Trost fahren die Steinlaster am Wochenende nur bis 22.00 h und nicht wie gestern bis Mitternacht.

28.03.1999

Sonntag, 28. März 1999

Sonntag, 28.03.99 – Damit ich nicht auch noch festgeschweißt werde, legen wir früh in Richtung Brava ab.
Es pfeift mit acht Windstärken um den Vulkan herum, deshalb brauchen wir für die elf Meilen bis zu Fogos „kleiner Schwester“ keine zwei Stunden.
Im Hafen von Furna hilft uns ein Einheimischer beim Festmachen der Landleine und kommt gleich zum Fischessen an Bord (Dirk war erfolgreich, ein Thunfisch!). Und Antao (Toni) erzählt uns dann gleich, das heute in Nova Sinta die drei Inselmannschaften gegeneinander Fußball spielen.
Bundesliga quasi, der Gewinner spielt nämlich um den All-Insel-Pokal!
Wolfgang bleibt als Ankerwache zurück, aber der Rest geht gucken und Furna gewinnt! Party! Und der komplette, vollbesetzte Aluguer incl. Fahrer total besoffen…
Habe ich das mit den Aluguers eigentlich schon erklärt?
„Aluguer“ heißt „Zu mieten“ und steht auf fast jedem Auto. Auto ist gleichbedeutend mit Toyota-Pickup. Und immer, wenn ein Aluguer voll ist, fährt er los. Und „voll“ ist ein weiter Begriff! Meistens braucht man nicht zu fragen, wo es hingeht, weil es selten mehr als eine Richtung gibt, in die es gehen könnte!
Macht Spaß, ist billig und prima kommunikativ!!
Und Lipso liebt es!!!

29.03.1999

Montag, 29. März 1999

29.03.1999

Montag, 29.03.99 – Die Inseln bilden einen weiten Bogen, fast einen Kreis, allerdings mit einer großen Lücke im Westen. Und die muß jetzt überwunden werden: 160 Meilen bis Sao Antao, hoch am Wind gegen die Atlantik-Dünung. Die kleinere von den beiden kleinen Focks bewährt sich zum ersten Mal, die Nacht auf

30.03.1999

Dienstag, 30. März 1999

Dienstag, 30.03.99 – ist mondhell, morgens machen Delphine Gymnastik für Meeressäuger, „Gustav“ steuert unermüdlich und so fällt nach 28 Stunden der Anker zum Mittagessen in der Bucht von Tarrafal auf Sao Antao. (Ein „Tarrafal“ gibt es auf fast jeder Insel, nicht verwirren lassen!)
Die beiden Langusten vom Foto sind dann doch in unserem Kochtopf gelandet, im Tausch gegen 1000,- Escudos (DM 18,-) und zwei T-Shirts für die Kinder. Hatten die auch nötig, sieht man ja auf dem Foto.
Obwohl, eigentlich sehen sie so aus, als ob sie gar nichts nötig hätten. Die sind bitterarm, aber die sind derartig gut drauf den ganzen Tag lang, das gibt’s auf keinem deutschen Spielplatz!
Abends, wir segeln nämlich noch weiter bis Mindelo, verdient sich Heike die John-Maynard-Gedächtnis-Medaille für tapferes Aufkreuzen im Kanal von Sao Vincente.
Der Strom steht gegen den durch Düsenwirkung frischen Wind (sechs bis sieben Beaufort) und wirft eine fürchterlich kurze und steile See auf. Durch die Gischt frisch gepökelt fährt Dirk den Anleger im Fischereihafen, was sich am nächsten Morgen als überflüssig herausstellt.

31.03.1999

Mittwoch, 31. März 1999

Mittwoch, 31.03.99 – In Mindelo hat nämlich ein findiger Deutscher die kleine ehemalige Saßnitzer Ostsee-Fähre „Eirene“ fest verankert und als Mini-Marina hergerichtet. Dahin verholen wir und genießen erstmals sowas wie einen Yachtservice: Ausgiebig duschen, Wäsche waschen lassen, Wasser bunkern, mit anderen Yachties klönen, abends fein essen gehen und und und.
Die Mannschaft von „cabo verde sailing“ kümmert sich prima um uns und alle anderen Segler. Wer was wissen will, hier die e-mail-Adresse: caboverdesailing@t-online.de oder direkt caboverdesailing@mail.cvtelecom.cv

01.04.1999

Donnerstag, 01. April 1999

Donnerstag, 01.04.99 – Doris und Aldo erkunden Sao Antao, Heike bummelt und Wolfgang und Dirk bauen neue Luken von den Achterkabinen zum Cockpit ein. Die sind Klasse!
Die Kabinen sind total hell und luftig geworden! Schönen Dank an André von cabo verde sailing für das Ausleihen der Stichsäge! Obwohl es in Mindelo einen großen Supermarkt und auch sonst Merkmale einer richtigen Stadt (eine Hamburgerbräterei und eine geteerte ,zweispurige Straße!) gibt, ist Spachtel und Dichtmasse zu besorgen schwierig.
Aber es gibt kein Problem, bei dem einem die Einheimischen nicht helfen. Im ersten Laden fragt man, dann bringt einen einer der Verkäufer zu einem anderen Geschäft, wo es das geben könnte, dann bringt einen ein anderer Verkäufer oder sonstwer zum nächsten Geschäft, solange, bis man hat, was man braucht.
Habe ich Euch eigentlich schon gesagt, daß die Leute hier wahnsinnig nett sind?! Nein?
Also, die Leute sind wahnsinnig nett, freundlich, hilfsbereit, lustig, neugierig, aufgeschlossen, einfach klasse, überall auf den Inseln! Ich schreib das jetzt öfters mal, die Caboverdianer haben es verdient!
Um 22.30 h legen wir trotzdem wieder ab, die nächste Nachtfahrt nach Sao Nicolao. Das wundert die neuen Freunde auf der „Eirene“, aber wer nachts segelt, hat den Tag zum Schwimmen, Bummeln, Land erkunden! Außerdem ist die Strecke bis Sao Nicolau wieder nicht an einem Tag zu schaffen (außer mit ganz, ganz früh aufstehen, aber davor graut es dem Skipper nunmal mehr, als vor einer schönen Nachtfahrt…)
Die Mannschaft ist gut eingespielt, das Wetter paßt, der Mond ist voll, warum nicht?

02.04.1999

Freitag, 02. April 1999

Freitag, 02.04.99 – Da kann man nämlich schon um 09.00 h den Anker wieder fallen lassen! Schon wieder vor Tarrafal, diesmal eben auf Sao Nicolau. Eigentlich sollte man hier ja auch mal einen Landausflug machen, von wegen Landschaft und so, aber Doris und Aldo waren hier schon ein paar Tage vor Törnbeginn, Heike und Dirk sind faul und der Skipper schreibt endlich mal wieder Logbuch.
An Karfreitag ist hier natürlich schulfrei, der Strand ist voller Kinder, für Unterhaltung ist also gesorgt, Proviant ist seit Mindelo auch wieder reichlich da, also genießt die Mannschaft den Sonnenschein bei leichter Brise im Cockpit, bzw. kuschelnd in der Backbord-Achterkabine. Sieht aus wie Urlaub hier an Bord! (Aber keine Angst, die nächste Nacht wird auch noch gesegelt!)

03.04.1999

Samstag, 03. April 1999

Samstag, 03.04.99 – Fast die ganze Nacht und den ganzen Samstag lang auf Steuerbordbug, Wind Nordost, fünf bis sechs Beaufort. Bis dann Sal abends im Dunst auftaucht und uns Andreas zeitgleich von kurz vor Brasilien anfunkt.
Einerseits ist das abends immer eine willkommene Abwechslung, weil es nämlich auf der „Eleanor Rymill“ kaum noch Trinkwasser gibt und wir natürlich mitfiebern, ob die Mannschaft es nur mit den Saft- und Biervorräten bis Brasilien schafft (wovon wir mal ausgehen, sie sind nämlich schon fast da, eine Notlage besteht also nicht!).
Andererseits müssen wir uns heute kurz fassen, weil wir mitten in der Nachtansteuerung von Santa Maria stecken. Die einheimischen Fischerboote haben keine Ankerlichter, also müssen wir radar- und handscheinwerfergestützt vorsichtig an den Fischern vorbeischleichen, bis das Echolot vernünftige Tiefe anzeigt und wir unser Ankermanöver fahren können. Der Skipper einer spanischen Yacht hilft uns, indem er die kleinen Boote anleuchtet, und um 19.45 h sitzt der große Pflugscharanker „festgemauert in der Erden“.
Die erste Kapverdenrunde ist also komplett, das Fazit hat Dirk ins Logbuch geschrieben:
„Eine schöne Abenteuerreise unter dem Passat ist leider vorbei, Abenteuer und 523 Meilen Segeln, Wandern und Schwimmen. Danke an den Skipper…“
und natürlich an mich, schließlich hatte ich ja die meiste Arbeit!