Von Washington D.C. nach Washington D.C. – Juni 2000

08.06.2000

Donnerstag, 08. Juni 2000

Donnerstag, 08.06.00 – Volker und Wolfgang haben mich ja durch den ICW nach Norfolk gesteuert, und Wolfgang veranstaltet deshalb mit den beiden Neuankömmlingen eine kleine Hafenrundfahrt, um ihnen den Flugzeugträger und das U-Boot zu zeigen, erst danach tuckern wir in Richtung Hafenausfahrt.
Und kommen prompt an drei weiteren Flugzeugträgern, diversen U-Booten, unzähligen Zerstörern, Versorgern, Helikopterträgern, Minenräumern etc. vorbei. Wahnsinn.
Die Hafenausfahrt dauert vier Stunden, immer nur an grauen Rümpfen entlang. Aber irgendwann ist auch Amerikas größter Flottenstützpunkt zu Ende, eine schöne Brise aus Südost schiebt uns nach Norden und am Abend ankern wir im einsamen Chisman Creek, nur 15 Meilen Luftlinie von Norfolk entfernt, aber nur von Wasservögeln und Wald umgeben. Das nennt man dann Kontrastprogramm!

09.06.2000

Freitag, 09. Juni 2000

09.06.2000

Freitag, 09.06.00 – Die Westseite der Chesapeake-Bay ist eine Ansammlung von Flußmündungen, tiefen Buchten und Fjorden, jeweils alleine schon ein paar Tage „Erkundung“ wert. Den York River (nur ein paar Meilen weiter nördlich) könnte man zum Beispiel noch über 30 Meilen in zwei verschiedenen Armen landeinwärts segeln. Aber wir begnügen uns mit einem Badestopp ziemlich knapp hinter der Brücke an der Mündung.
Wegen der Erholung. Von der Spannung. Weil nämlich für die Brücke unterschiedliche Höhenangaben in den Handbüchern stehen. 60 Fuß (passt nicht) oder 85 Fuß (passt). Aber der Verklicker und die Antenne sind oben geblieben- es passt! (Wobei ja jede Brücke beim Unterqueren so aussieht, als ob es niiieemals passt!)
Im York River Yacht Haven kommen Robert und Melissa von der „Odyssee“ an Bord, weil Robert in Deutschland stationiert war und Melissa als Stewardess bei „Quantas“ immer in Frankfurt gelandet ist. Das reicht als Besuchsgrund völlig aus, und das mag ich wirklich an den Amerikanern: Den unkomplizierten Umgang miteinander und mit Gästen!
(langer, lustiger Abend…)

10.06.2000

Samstag, 10. Juni 2000

Samstag, 10.06.00 – Die Marina hat ein Courtesy-car. Das sind Autos, die so kaputt sind, dass man sie bedenkenlos jedem Europäer für ein paar Stunden überlassen kann, ohne auch nur zu fragen, ob der Fahrer einen Führerschein hat.
Aber der alte Chevrolet-Pickup (mit Gangschaltung!) meistert den Weg zum Supermarkt problemlos, und vollgebunkert für den Rest der Reise werde ich direkt vor der Marina verankert, weil eine Motoryacht unseren Liegeplatz beansprucht.
Meine Mannschaft paddelt mit dem Beiboot zum Lunch im netten Hafenrestaurant, und auf dem Rückweg kommt es mal wieder fast zu einer Verhaftung: Das Fahren im Dhinghi ohne Schwimmwesten ist nämlich verboten, sagt der Mann von der Küstenwache. Auch bei 30° im Schatten, auch bei 25° Wassertemperatur, auch bei Windstille, auch bei Seegang „Null“, auch Armeslänge vom Steg entfernt. Und wahrscheinlich weil er eine dunkelblaue Uniform und eine Schwimmweste als vorschriftsmäßige Dienstbekleidung tragen muss und er sich ganz langsam in eine Schweißlache auflöst….
Robert kommt noch vorbei und bedankt sich für die gelungene Ferndiagnose des Motorschadens auf der „Odyssee“. (Wolfgang: „Hau doch mal leicht mit dem Hammer auf den Magnetschalter vom Anlasser!“), danach gleite ich dann den York River hinunter, an der Ansteuerungstonne wird gehalst und ich gleite hinauf in die Mobjack Bay.
Im Severn River, das ist der südliche Arm der Mobjack Bay, finden wir den nächsten einsamen Ankerplatz.

11.06.2000

Sonntag, 11. Juni 2000

Sonntag, 11.06.00 – Im North River, das ist der mittlere Arm der Mobjack Bay, finden wir den übernächsten einsamen Ankerplatz, diesmal nur für ein Mittagspäuschen, und im East River, das ist der östliche Arm der Mobjack Bay, finden wir den überübernächsten einsamen Ankerplatz zum Übernachten. Und dabei haben wir den Vaughans Creek, den Ware River und den Pepper Creek (alles in der Mobjack Bay!) mit hunderten einsamer Ankerplätze noch ausgelassen!
Segeln mitten im Wald, nur ein paar Ferienvillen verstreut am Ufer- ist schon ganz schön schön hier!

12.06.2000

Montag, 12. Juni 2000

Montag, 12.06.00 – Montags regnet es hier ja immer. (Seit Miami, Grüße an Volker!!) Deshalb sucht der Skipper einen sicheren Liegeplatz, und nach einem schwülheißen Tag unter Maschine liegen wir abends in einer Marina in Irvington.
Hier ist es noch einsamer als am allereinsamsten Ankerplatz. Niemand da. Nur leere Schiffe. Stegbeleuchtung wird über Bewegungsmelder gesteuert. Dusche ist offen, Licht wird über Zeitschaltuhr gesteuert.
Doch – da! Ein Mensch am Nachbarsteg!! Ein wenig small talk – dann verschwindet er wieder. Aber das Montagsgewitter sorgt bei Einbruch der Dunkelheit für ausreichend Unterhaltung – zumindest für Lärm- und Lichtkulisse. Ein wenig Unterhaltung ist ja auch nötig, denn um Mitternacht am

13.06.2000

Dienstag, 13. Juni 2000

Dienstag, 13.06.00 – …knallt der Sektkorken, der Kerzenhalter flötet „Happy Birthday“, Monika und Norbert singen dazu – denn der Skipper hat Geburtstag!
Wird er es schaffen, irgendwann so alt zu werden, wie er heute schon aussieht?
Am Morgen erscheint dann doch noch ein Mensch, der hier arbeitet und erlässt uns die Liegegebühr, wodurch das Bordbudget eine weitere Marina-Übernachtung zulässt, und zwar in Urbanna, acht Meilen den Rappahannock River hinauf, weiter macht bei Nebel und Nieselregen ja auch keinen Spaß…
Urbanna ist irgendwie eher europäisch: Es gibt bei nur 750 Einwohnern mindestens fünf Kneipen, zwei Kirchen und einen Supermarkt in (!!!) der Stadt. Im Yachthafen leben Ken ( der gerade das Büro anstreicht und seinem Hund „Mobius“ dabei ein Ohr blau gepinselt hat) und Dave (der seit sechs Jahren auf seinem Eigenbau-Boot hier lebt und seit dem Zu-Wasser-Lassen desselben nicht eine Meile aus dem Rappahannock raus war….).
Außerdem kommt Jack vorbei, der auch heute Geburtstag hat, weshalb alle zusammen (incl. meiner Crew) den Grill anschmeißen und Würstchen verbrennen.
Und Dave erklärt dann irgendwann, wieso er immer noch hier ist: Weil es neben den Kneipen auch noch drei Wäschereien gibt, die man zu Fuß erreichen kann, weil bei Kens Geburtstagsfeier ein Feuerwerkskörper sein Leinenhemd verbrannt hat und er ihn deshalb mindestens ein weiteres Jahr ärgern muß, weil ein anderer Kumpel mit einer selbstgebastelten Kanone beim Salutschießen anläßlich des Austern-Festes fast ein Fischerboot versenkt hätte, weil noch ein anderer Kumpel, der bei der Post arbeitet, seine (Dave’s) Rechnungen mit dem Vermerk „unbekannt verzogen“ zurück an den Absender schickt, weil die schönste Frau des Städtchens die Taucherin ist, die die Schiffe von unten reinigt, weil die Enten Eier in seinem Cockpit gelegt haben, insgesamt also, weil er und alles um ihn herum viel zu verrückt ist, um sich auch nur einen Tag davon entgehen zu lassen…

14.06.2000

Mittwoch, 14. Juni 2000

Mittwoch, 14.06.00 – Ein wenig diesig ist es, als wir ablegen, aber am Nachmittag klart es auf, außerdem passt der Wind prima, und so legen wir 37 unspektakuläre Meilen zurück: bis in die Ingram-Bay hinein.
Genauer: bis nach Reedville.
Ganz genau: bis an eine Kneipe mit Steg in Reedville.
Da stiehlt mir dann prompt eine 87-jährige Dame die Show, weil sie nämlich gerade ihre Weltreise hinter sich hat. Zwar „nur“ mit dem Kreuzfahrtschiff, und sie weiß auch nicht mehr ganz genau, wo nochmal der Taifun war, aber trotzdem – Kompliment!

15.06.2000

Donnerstag, 15. Juni 2000

Donnerstag, 15.06.00 – Smith Island sieht auf der Karte verlockend aus. Und bei herrlichem Wetter sind wir auch schon um 14.15 h da.
Versuchsweise.
Die Einfahrt zur Lagune ist zu flach, und leider verbieten der Wind und die dadurch entstehende Legerwallsituation ein längeres Rumsuchen nach der tiefsten Stelle in der Rinne. Macht nichts, der Skipper dreht meinen Bug wieder ins freie Wasser, Richtung Potomac River.
In einem Seitenarm ( dem St. Mary’s River) fällt mit Sonnenuntergang der Anker in den „Sauggrund“ (weil er so gut hält!) des Horseshoe-Bend. Ein paar Gewitterböen am späten Abend lassen meine Crew deshalb auch völlig entspannt, während sich der Anker unter Zug tiefer und tiefer in den Lehm arbeitet.

16.06.2000

Freitag, 16. Juni 2000

Freitag, 16.06.00 – Noch hundert Meilen bis Washington, so lang ist der Potomac. Sieht auf der Karte alles immer irgendwie kleiner aus. Aber bei Sonnenschein und Vollzeugbrise freut man sich auf jede Meile, die noch kommt!
Comb Creek sieht auf der Karte übrigens ausnahmsweise mal größer aus, als er in Wirklichkeit ist: Mit ein bißchen Glück und Hochwasser schummeln wir uns über eine Barre in einen winzigen Naturhafen mit einer winzigen Marina. Ich werde zwischen zwei Dalben geklemmt, da kann sich die Mannschaft das weitere Festmachen fast sparen! Da bleibt Zeit genug für ein Willkommensbier im Wohnzimmer und für eine Dusche im Badezimmer von Linda und Kevin.
Und für eine wunderbare Pizza-Party in ihrem Garten…

17.06.2000

Samstag, 17. Juni 2000

Samstag, 17.06.00 – Linda kutschiert meine Mannschaft noch eben zu einer alten Kirche und zu einem neuen Supermarkt, dann geht die große Abschiedszeremonie los, weil es nämlich im Comb Creek bei den beiden noch viel schöner und gemütlicher ist, als ich das jetzt hier so kurz beschreiben kann.
19 Meilen flussaufwärts in Colonial Beach dürfen wir zwar umsonst übernachten, eine prima Bootsbesichtigung auf einer 80-jährigen Motoryacht findet auch noch statt, aber so gemütlich wie bei Linda und Kevin wird es wohl nirgendwo mehr werden…

18.06.2000

Sonntag, 18. Juni 2000

Sonntag, 18.06.00 – Schaffen wir es? Vor dem Gewitter?? Vor dem horizontüberspannenden, pechschwarzen Monstergewitter???? Mit Schwung in die Quantico-Marina; Leinen über und fest – und dann liegen wir supersicher. Die Marina gehört nämlich zu einem Militärstützpunkt! (Sicherheitshalber darf die Mannschaft das Marinagelände auch nicht verlassen, kann ich gut verstehen, zumindest, was den Skipper betrifft!)

19.06.2000

Montag, 19. Juni 2000

19.06.2000

Montag, 19.06.00 – Ich kann es auch verstehen, das die Woodrow-Wilson-Brücke nur nach Voranmeldung und nur zwischen 00.00 h und 05.00 h geöffnet wird, schließlich ist sie Teil einer sechsspurigen Autobahn.
Gut wäre halt gewesen, wenn uns das vorher jemand gesagt hätte. Oder wenn Wolfgang das Hafenhandbuch richtig gelesen hätte. So ankern wir vor der Brücke und genießen den Verkehrsknotenpunkt: Flugzeuge im Landeanflug auf die beiden Flughäfen, Frachtverkehr im Fahrwasser, die Eisenbahn am anderen Ufer und der Highway vor dE 26: Illegal number 6.2K
Um 04.45 h muß Washington mal eben die Luft anhalten, den die Hauptschlagader wird unterbrochen. Polizeistreifen kontrollieren den Stau, der entsteht, als sich die Brücke für uns hebt.
Ein prima Gefühl irgendwie, auch wenn gerade ein paar hundert LKW-Fahrer eine kleine deutsche Fahrtenyacht verfluchen… Der Yachthafen in Washington ist optimal: Freundlichstes Personal, aller erdenkbarer Service, und nur ein paar hundert Meter vom Regierungsviertel entfernt. Die Mannschaft stürzt sich denn auch ins Getümmel, und ich ruhe mich nach 343 Meilen mal zwei Tage aus…

21.06.2000

Mittwoch, 21. Juni 2000

Mittwoch, 21.06.00 – Und wenn ich die rote Baumpersenning mit dem „Galateia“-Schriftzug nicht hätte, dann hätten Uschi und Dieter mich wahrscheinlich nie gefunden!
So klappen der Skipperwechsel und die Familienzusammenführung aber doch noch gut, Wolfgang, Norbert und Monika fliegen nach Europa, und Klaus und Peter haben versprochen, das Logbuch im Internet weiterzuführen, hoffentlich klappt das!