Von Boston nach Boston – August 2000

31.08.2000

Donnerstag, 31. August 2000

Donnerstag, 31.08.00 – Morgens werde ich mit Hilfe der marinaeigenen Schubkarre vollgebunkert, und dann zieht mich ein wunderbarer, warmer Südwestwind aus dem Hafen.
Optimale Bedingungen, der Blister wird gesetzt und wir schaffen noch fast 30 Meilen bis zum Marblehead Harbor, wo der noble Boston Yacht Club noch eine Boje für uns frei hat.
Per shuttle-service geht es an Land, und da sieht es mal wieder aus, wie in einem Städtchen in den schwedischen Schären, sogar eine ganze Menge Volvos stehen in den Garagen!

01.09.2000

Freitag, 01. September 2000

Freitag, 01.09.00 – Gut, Hummer sind lecker.
Aber die Hummerkorbbojen sind eine Katastrophe.
Vor allem, wenn sie in meinem Ruder hängen und der Skipper mit dem Brotmesser auf Tauchgang muss. Danach ist aber wieder alles bestens, mit der Flut am Mittag geht es durch den Blynman-Channel, um das Cape Anne abzukürzen, danach mit halbem Wind weiter bis zu den Isles of Shoals.
Dafür hat die letzte Crew wetterbedingt drei Tage länger gebraucht. Manchmal passt eben einfach alles zusammen – und manchmal nicht…

02.09.2000

Samstag, 02. September 2000

Samstag, 02.09.00 – Morgens um 05.00h dreht der Wind wie angekündigt auf Nordost.
In der Richtung liegt zwar schon mein Zweitanker, weil aber erstens die Böen kräftiger als angekündigt sind, und zweitens der Schwojkreis durch das wochenendmäßig vollbelegte Bojenfeld eingeengt ist, gibt es Frühsport: Anker auf und wieder nieder.
Mit beiden Ankern in der richtigen Richtung schläft sich’s außerdem noch prima und entspannt ein Stündchen länger…
Leider verhindert ein religiöser Kongress (siehe Inselbeschreibung vom letzten Törn!) den Landgang, und leider verhindert der Wind das Weiterkommen nach Norden, deshalb düsen wir nur die fünf Meilen nach Portsmouth, und da ist dann wieder dieser Steg mit der Strömung und der Brücke.
Ein widerlicher Anlegeplatz.
Aber das Manöver klappt prima, freundliche Hände nehmen die Festmacher an – und wenn man dann hier so liegt, dann ist es ja auch wirklich schön!

03.09.2000

Sonntag, 03. September 2000

Sonntag, 03.09.00 – Das Ablegemanöver klappt genaus so gut wie das Anlegen, zumal wir einfach auf Stillwasser warten.
Draußen geht das Warten dann weiter: auf den angekündigten Wind, auf den angekündigten Sonnenschein… wird aber nichts draus, schade.
Erst am Nachmittag wird der Motor vom Schiebedienst erlöst, und wenigstens die letzten Meilen bis zum Wood Island Harbor darf ich segeln. Da fällt dann der Anker (trotz der Einwände eines etwas übervorsichtigen Ehepaares auf einer irgendwo ziemlich weit weg ankernden Yacht) – und ein fauler Tag geht faul zu Ende.

04.09.2000

Montag, 04. September 2000

Montag, 04.09.00 – Besser Wind von vorne, als gar kein Wind!
Außerdem liegt südlich von Portland/ME die weite Saco-Bay mit ein paar eingelagerten Inseln, die uns den Seegang fernhalten. Da macht das Aufkreuzen dann sogar Spass!
Richtig prima wird es dann in der Einfahrt nach Portland selbst. Der Wind legt zu, die Hummerbojen werden zur echten Plage, Großschifffahrt will auch rein und raus, das Fahrwasser wird schmaler und schmaler, und ob all der Plagen wird Sabine am Ruder stiller und stiller… (meistert die Einfahrt aber prima!)
Der Liegeplatz in der Marina mitten im Stadtzentrum krönt den Tag, schon wegen der Aussicht auf das Kneipenviertel! Und wegen der Seehunde, die neben mir rumpaddeln!
Außerdem heute: Mein Lieblingsbordingenieur hat Geburtstag: Herzlichen Glückwunsch an Dieter in Warstein!

05.09.2000

Dienstag, 05. September 2000

Dienstag, 05.09.00 – Ich werde noch mal vollgebunkert, und dann passt einfach alles: eine wunderbare Brise aus Nord, strahlend blauer Himmel, null Seegang zwischen den sieben Millionen Inseln nördlich von Portland und das Barometer von Höchststand zu Höchststand eilend.
„Wohin segeln wir heute?“ – „Bis dahin, wo wir sind, wenn es dunkel wird!“ Und das ist der Kennebec River.
Segelbergen im Sonnenuntergang hinter dem Ansteuerungsleuchtturm, und mit dem letzten Licht zum Ankerplatz hinter der Tonne 15, mitten im Wald. Zum Abendessen scheint der Mond ins Cockpit, und später gehen Saturn (mit Ring) und Jupiter (mit Monden links unten und rechts oben) im Stier auf, „..so sternklar war die Nacht.“

06.09.2000

Mittwoch, 06. September 2000

Mittwoch, 06.09.00 – „Romantisches Landschaftbild mit Seehunden“- das ist der Morgen.
20 „alles ist gut“ Meilen segeln bis nach South Harpswell (wieder langsam zurück nach Westen), das ist der Mittag.
Ein einsamer Landspaziergang mit Hummerkauf , das ist der Nachmittag.
Und ein echtes Maine-Lobster-Halbzeitfest an Bord, das ist der Abend!

07.09.2000

Donnerstag, 07. September 2000

Donnerstag, 07.09.00 – Und weil es hier zwischen den Inseln so schön ist, werde ich nur sechs Meilen weiter verholt, dann fällt der Anker schon wieder. Und dieses Mal definitiv am allertraumhaftesten. Kurz vor kitschig, quasi.
Einsame Bucht, Dschungelinsel mit verfallener Hütte (mit Steinway-Klavier-Resten), klares Wasser, Muschelsuchen bei Ebbe, ein paar campende Kanufahrer etwas weiter südlich, und ein paar amerikanische Segler, die später einlaufen und meine Mannschaft zum Weltumsegelungsabenteuererzählenundkaluhatrinken einladen! (und das ist nur eine kleine Auswahl der heutigen Highlights!)
Der Ort des Geschehens bleibt aus Exklusivitätsgründen geheim!!!

08.09.2000

Freitag, 08. September 2000

Freitag, 08.09.00 – Südwind ist angesagt, deshalb schafft die Mannschaft einen frühen Ableger, mit ein bißchen Pech können nämlich bei Gegenwind schnell aus 25 Meilen 50 oder mehr werden. Und mit den Hummerbojen (die an Bord nur noch „Hubo“ genannnt werden) im Dunkeln, das ist halt nicht wirklich lustig…
Die gleichen Inseln, die uns beim Aufkreuzen nach Norden im Saco-Golf Schutz gegeben haben, erfüllen ihren Zweck nun auf der Kreuz nach Süden. Theoretisch hätten die Windverhältnisse natürlich auch andersherum sein können, beide Male Backstagsbrise quasi, aber dagegen spricht Murphy’s Law, und zwar eindeutig.
Macht nichts, aufkreuzen bei schöner Brise, Sonnenschein und glatter See ist auch schön, und schon um 15.00 h liegen wir an einer Gästeboje vom Biddeford Pool Yacht Club. Mal wieder umsonst, der Hafenmeister lächelt freundlich: „Nachsaison…“ und weist den Weg zur Dusche.
Wolfgang verbringt die Wartezeit mit einem Spaziergang und lernt den Wirt vom „Hattie’s“ kennen, der ihn und den Rest der Mannschaft gleich zu Popcorn und irischem Whiskey in sein Wohnzimmer einlädt, weil er und seine Frau nämlich in ein paar Wochen nach „Good Old Germany“ fliegen, und die beiden jede Chance nutzen, um ihr Volkshochschuldeutsch zu verbessern.
Leider verschmort dem fleißigen Holger (der die Aktion eben wegen des Kochens leider nicht mitbekommen hat) in der Zwischenzeit das Abendessen, was erstens schade und zweitens ärgerlich ist. Es läuft halt nicht immer alles ganz perfekt…

09.09.2000

Samstag, 09. September 2000

Samstag, 09.09.00 – Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag an Claudia in München, auch wenn Deine e-mails aufgrund eines Bedienungsfehlers hier immer dreifach ankommen!
Macht nichts! Komm am besten mal wieder im Original vorbei!
Eine leichte Brise treibt uns bis nach York, der freundliche Hafenmeister erkennt mich gleich vom letzten Törn her und weist uns eine Boje in dem herrlichen kleinen Naturhafen zu.
Da trage ich dann zur Erbauung der Gäste des feinen Restaurants am Ufer zu, denn für die Landratten liegen dort Bootsbestimmungskärtchen aus: Ich bin demnach eine überdimensionale Sloop, weil Slooptakelungen anscheinend ab 34 Fuß Rumpflänge außergewöhnlich sind – und das in dem Land, wo üblicherweise einfach alles riesig ist! (wie z.B. die tollen Abendessenportionen!)

10.09.2000

Sonntag, 10. September 2000

Sonntag, 10.09.00 – Leider können wir das Cape Anne nicht wieder durch den Blynman-Channel abkürzen, weil gerade Niedrigwasser ist. Ist aber eigentlich gut so, sonst hätten Holger und Matthias den Wal nämlich nicht gesehen, der neben mir auf- und wieder ab- und dann leider nicht wieder auftaucht!
Kurz vor Sonnenuntergang runden wir die Zwillingsleuchttürme am Kap, wenig später fällt der Anker in der vorletzten einsamen Bucht dieses Törns: Brace Cove, etwas östlich von Gloucester.

11.09.2000

Montag, 11. September 2000

Montag, 11.09.00 – Sabine und Holger erfahren beim Strandspaziergang von einem Einheimischen allerlei interessantes über die Künstlerkolonie am Ufer, nur Einkaufsmöglichkeiten gibt es mal wieder ohne Auto keine.
Fahren wir halt „trocken“ weiter (kein Wasser mehr, aber noch ausreichen andere Getränke…!)
Nach der Ausfahrt aus der Bucht erwischt uns Frühnebel. Matthias schafft es leider nicht, ordentliche Schallsignale mit der Muschel zu geben, weil er immer lachen muss. Der Rest der Mannschaft tutet aber prima, und gegen Mittag reißt der Nebel dann ohnehin auf, den letzten schönen und sonnigen Segelmeilen bis in die Inseln vor Boston steht nichts mehr im Wege.
Die letzte einsame Bucht (was so nah bei Boston ja verwundert, aber bei dreißig Inseln verteilt sich selbst der Großstadtverkehr!): in Lee von Paddocks Island.

12.09.2000

Dienstag, 12. September 2000

Dienstag, 12.09.00 – Schon wieder Sonnenschein! Matthias‘ rote Nase bekommt weiterhin keine Chance zur Erholung. Die paar Meilen bis zur Marina at Rowes Wharf sind mittags abgesegelt, die Crew geht auf Landgang, abends wird Abschied gefeiert…

13.09.2000

Mittwoch, 13. September 2000

Mittwoch, 13.09.00 – Ich werde die übliche drei Stunden lang auf Hochglanz poliert, dann sind alle verabschiedet und die neue Crew kann kommen: Sylvia Buhr (aus Darmstadt, zum dritten Mal beim Kurs West dabei), Gerdi Bauerfeind (aus Haimhausen), Roland Nowak (aus Dillingen), Dietmar Friedberger (aus Holzheim) und Wolfgang Weber ( aus Bad Mergentheim, zum zweiten Mal verwirrender Weise an Bord, siehe Malta-Malta und die Zöllner im Herbst 1998!).