Von New York nach Baltimore – September 2000

28.09.2000

Donnerstag, 28. September 2000

Donnerstag, 28.09.00 – New York im Kielwasser.
Der Anblick macht das morgendliche Bunkern und den üblichen Törnanfangsstress schlicht und einfach vergessen. Nur unter Fock lassen wir uns von einem kalten, aber schönen Nordwind bis hinter Sandy Hook (da fängt die Bucht von New York an) ziehen.
Sonnenuntergang links neben Manhattan, der Atlantik auf der anderen Seite der Landzunge, ein kühles Ankerbier, das hat schon was…

29.09.2000

Freitag, 29. September 2000

Freitag, 29.09.00 – Ein toller Segeltag, nicht nur, weil die Maschine ausfällt…
Jedenfalls müssen wir unter Segel in Manasquam ankern, was eigentlich mal ganz nett ist und auch prima klappt.

30.09.2000

Samstag, 30. September 2000

Samstag, 30.09.00 – Da ich heute wegen der Ersatzteilbeschaffungsaktion im Fahrwasser liegen bleiben darf, erfolgt die Beschreibung der Örtlichkeiten erst heute: Der Manasquam ist ein Fluß, an dem die New Yorker ihre Hochseeangelboote lagern. Und anscheinend hat jeder New Yorker ein Hochseeangelboot, jedenfalls ziehen Hunderte davon an uns vorbei. Manche sogar mehrfach, anscheinend handelt es sich um eine Variante des Promenierens.
Noch ein Hinweis an alle Skipper: Solltet ihr mal in den USA einen Maschinenschaden haben, versucht, ihn nicht auf einen Freitag zu legen! Am Wochenende sind alle Ersatzteilhändler und auch alle Mechaniker mit ihren Hochseeangelbooten unterwegs!!!

01.10.2000

Sonntag, 01. Oktober 2000

Sonntag, 01.10.00 – Einmal schauen wir uns das Hochseeangelbootgetümmel noch an, dann darf das neue Beiboot seine erste Bewährungsprobe bestehen und mich am Nachmittag aus dem Fahrwasser bis auf den offenen Atlantik schleppen. Für die Nacht ist leichter Nordostwind gemeldet, der kommt auch pünktlich und sorgt für eine angenehme Fahrt hinunter bis nach Atlantik City, wo wir dann am

02.10.2000

Montag, 02. Oktober 2000

Montag, 02.10.00 – Mit Sonnenaufgang einlaufen.
Mr. Trump hat hier nicht nur eine ganze reihe Spielkasinos, sondern auch eine Riesenmarina hingesetzt. Auf der Suche nach Wechselgeld zum Telefonieren kommt der Skipper (unausgeschlafen, unrasiert, in kurzer Hose und Badeschlappen…) so zum ersten Spielkasinobesuch seines Lebens.

03.10.2000

Dienstag, 03. Oktober 2000

Dienstag, 03.10.00 – Wolfgang sucht weiter nach einem Mechaniker, der eine Einspritzpumpe reparieren kann. Er findet auch welche, aber entweder weigern sie sich, einen Automotor zu reparieren, weil sie Bootsmechaniker sind, oder sie weigern sich, einen Bootsmotor zu reparieren, weil sie Automechaniker sind.
Sooo war das mit meinem Golf-Diesel ja eigentlich nicht geplant!
Die Mannschaft sucht inzwischen so was wie „Flair“ zwischen den einzelnen Prunkbauten, wird aber definitiv nicht fündig. In letzter Konsequenz ist es einfach nur traurig, Amerikas einsamen Rentnern beim Verspielen ihres Vermögens an „einarmigen Banditen“ zuzuschauen.
Michi bleibt das alles erspart, weil er erst 19 ist, unmündig also… höhöhö!

04.10.2000

Mittwoch, 04. Oktober 2000

Mittwoch, 04.10.00 – Mit Sonnenaufgang wird die nächste Schleppaktion gestartet.
Klappt auch wieder prima, allerdings ist draußen Totenflaute. Und bis ans Cape May reicht der Dinghisprit nicht.
Schade, also wieder rein, und da ist dann doch plötzlich die lang ersehnte Einspritzpumpe angekommen. Hanno und Wolfgang beschließen, die hiesigen Mechaniker zu ignorieren und bauen die Pumpe selber ein, ganz ohne Spezialwerkzeug!
Nur zum Einstellen der Pumpe wird ein VW-Händler organisiert, dessen Motorstartversuche mit Grillanzünder meinen armen Golf wahrscheinlich die Zylinderkopfdichtung kosten…
Jedenfalls qualmt es fürchterlich aus dem Auspuff, das hätten Hanno und Wolfgang also auch besser alleine gemacht!
Aber der Motor läuft wieder, das ist ja mal die Hauptsache!
Gerechterweise gibt es aber an dieser Stelle mal wieder einen Eintrag in der Rubrik „DDDWNB“ (Dinge, die die Welt nicht braucht), und zwar US-amerikanische Mechaniker, denn entweder können sie nichts und wissen nichts, oder sie wissen nichts und können nichts, oder sie wissen was und können nichts, oder sie wissen nichts und können was; wobei die letzteren beiden Typen entweder ausgebucht bis ans Ende aller Tage er mit dem Ausruhen auf vor Urzeiten erworbenen Lorbeeren beschäftigt sind.
Als Zweiteintrag bieten sich übrigens die Spielhöllen an, sie sind ähnlich frustrierend und sinnlos…

05.10.2000

Donnerstag, 05. Oktober 2000

Donnerstag, 05.10.00 – So ganz ohne Wehmut verlassen wir Atlantic City…
Ein entspannender Segeltag mit schönem Vor-Wind-Kurs zaubert dem Skipper sogar wieder ein Lächeln auf die Lippen, und in Utsch’s Marina am Cape May ist dann alles wieder in Ordnung. Die Utsch’s kommen nämlich aus Deutschland, das sieht man der Marina an.
Liebevoll gepflegt und so… natürlich sind sie (Vater und zwei Söhne „Utsch“) republikanisch bis kurz vor Rechtsradikalismus, aber was erduldet man nicht alles für eine saubere Dusche!
Das Städtchen Cape May wurde fast hundert Jahre im Schatten von Atlantic City und Ocean City vergessen – prima! Gemütlich, überschaubar, immer noch etwas verschlafen, und ein wunderbares Fischrestaurant hundert Meter hinter meinem Liegeplatz!

06.10.2000

Freitag, 06. Oktober 2000

Freitag, 06.10.00 – Vater Utsch kutschiert Wolfgang noch eben zum VW-Händler (vorsichtshalber, wegen der Dichtung), dann tüftelt mich die Mannschaft durch die Untiefen am Kap in die Delaware-Bay.
Siggi will auf jeden Fall noch die Nachmittagssonne genießen und auf keinen Fall schon nach 12 Meilen wieder in den Hafen.
Also segeln wir weiter bis nach Bowers Beach auf der Westseite der Bucht. Und was da so als kleines, langweiliges Fischerstädtchen im Hafenhandbuch beschreiben ist, das ist tatsächlich ein kleines Fischerstädtchen. Allerdings nicht langweilig, weil es hier das „Bayview-Inn“ gibt, „Home of the 75-Cent-Draft“.
Meine Mannschaft wird zur Einheimischen-Attraktion.
Fünf verrückte Deutsche, die nicht wissen, wie man Shuffleboard spielt, die nicht wissen, was ein Purple Motherfucker oder ein Slippery Nipple sind, die nicht wissen, warum der Fluss Murderkill-River heißt, und die nicht wissen, dass sie keinesfalls vor dem nächsten Hochwasser (um 05.00 h oder um 17.00 h am! nächsten Tag!) über die Barre in der Hafeneinfahrt kommen.
Die Erklärungen all dieser Ortsüblichkeiten ziehen sich bis um 03.30 h, womit das erste Hochwasser schon mal ausfällt.

07.10.2000

Samstag, 07. Oktober 2000

Samstag, 07.10.00 – Wie oben bereits angedeutet, beginnt der heutige Tag um Mitternacht im „Bayview Inn“.
Gerdi und Wolfgang schlagen Hanno und Siggi im Shuffleboarden und Michi behauptet auch nach dem siebten Bier steif und fest, 22 Jahre alt zu sein. Genau wie die junge Dame, der er selbiges erklärt. Die Wirtin schmeißt dann einen Gast raus, weil sie glaubt, dass er Gerdi zu sehr anbaggert, dabei hatte er ihr nur die unterschiedlichen Wildarten der Gegend hier beschrieben. Macht nichts, er wollte wohl eh gehen.
Ein alter Trans-Ocean-Wimpel mit allen Unterschriften wird dann noch unter die Decke genagelt, als Dankeschön für den tollen Abend und für die schönen T-Shirts!
Beim Strand- und Dorfspaziergang am Nachmittag werden meine Jungs und Mädels dann von allen Seiten gegrüßt. Peinlich. Obwohl – ne, eigentlich nur lustig! Und eine Führung durch das längst geschlossene 26: Illegal numberoch, für die Ehrengäste quasi! Der Abschied fällt schwer, ein älterer Herr hätte sich gerne länger mit uns unterhalten, weil seine Altvorderen doch aus Germany sind, aber die Flut wartet nicht. Die halbe Kneipe steht an der Pier und winkt, dann dreht sich mein Bug nach Norden.
Der böige Wind erfordert zwei Reffs im Großsegel, leider schaffen wir es nicht im Hellen bis in den Cohansey River (wieder am Ostufer). Aber mit Suchscheinwerfer und Radar, und vor allem mit konzentrierter Mannschaft (Heldenhaft beim Hummerbojenausweichmanöver: Gerdi am Ruder!) schwimme ich bald im ruhigen Flußwasser.
Von der Greenwich Boatworks-Marina liegt seit drei Monaten der damals vergessene Toilettenschlüssel im Kartentisch, also macht es nichts das uns dort beim Anlegen um 21.30 h niemand mehr begrüßt. Und etwas Ruhe tut heute ja ganz gut!

08.10.2000

Sonntag, 08. Oktober 2000

Sonntag, 08.10.00 – Über drei Stunden lang versuchen wir, gegen die Strömung aufzukreuzen.
Aber der Wind verzögert das Einsetzen der Flut, und irgendwann geben wir auf. Motorgestützt passieren wir das große Atomkraftwerk, danach haben wir den Chesapeake-Delaware-Canal ganz für uns alleine und machen spät am Abend in Chesapeake-City direkt unter der Autobahnbrücke am Gästesteg fest. Michi hat unterwegs Chili gekocht, was braucht man mehr?!

09.10.2000

Montag, 09. Oktober 2000

Montag, 09.10.00 – Man merkt, das die Saison vorbei ist: Nach 30 schönen Meilen erreichen wir Bowley’s Marina, und niemand ist da. Der Hafenmeister muss sich erst noch seine Jeans hochziehen, bevor er das Büro aufschließt, und das um 18.00 h!
Wenigstens ist das Restaurant noch geöffnet, sogar mit Echtfeuerkamin zum Aufwärmen!

10.10.2000

Dienstag, 10. Oktober 2000

Dienstag, 10.10.00 – Krönender Törnabschluss: Eine wunderbare Kreuz in den Hafen von Baltimore hinein! Manchmal kniffelig, wenn der Wind unter den Brückenpfeilern dreht, einmal kitschig, als ein Schotte auf seinem Boot wie zur Begrüßung auf dem Dudelsack spielt, und insgesamt einfach nur schön bis zum letzten Zipfel, dem Inner Harbor mit der dortigen Marina.
Michi lügt noch ein letztes Mal („I’m 22 years old!“), denn für ihn ist das Abendessen im Hardrockcafé schon das Abschiedsfest.

11.10.2000

Mittwoch, 11. Oktober 2000

Mittwoch, 11.10.00 – Die anderen bleiben alle noch ein paar Tage an Bord, und heute ist großes Besichtigungsprogramm angesagt: Der Hafen von Baltimore hat ein ähnliches „Facelifting“ hinter sich wie der Hafen von Boston.
Ein großes, modernes Aquarium, eine große, alte Fregatte, ein ausgedientes Leuchtfeuerschiff, aufwendig renovierte alte Bausubstanz im Kontrast zu den Wolkenkratzern, und vor allem eine schöne, helle Promenade mit netten Ladenzeilen sorgen für ein belebtes, freundliches Stadtzentrum.
Wolfgang freut sich schon auf seine Freiwoche…