Von Korfu nach Malta – September 1998

06.09.1998

Sonntag, 06. September 1998

Sonntag, 06.09.98 – Torsten ist in den Duschräumen der Marina eingeweht! Ein Mega-Regen-Blitz-Donner-Wind-und Hagel-Unwetter verwehrt ihm 90 min lang den Rückweg zum Liegeplatz. Dadurch verpaßt er das Frühstück, ist aber aus Langeweile bestens rasiert! Zwei weibliche Crewmitglieder, die an dieser Stelle nicht namentlich genannt werden wollen, wären auch fast nicht mehr aus den Sanitäranlagen zurückgekommen, konnten sich und eine unbekannte Dame dann aber doch noch aus den Häuserl’n mit den klemmenden Türschlössern befreien… Nach diesen Abenteuern, nach dem Regen und nach der Sicherheitseinweisung segeln wir nach Norden, die ersten Buchten rufen! Und wir finden auch eine, ganz einsam, mit Blick auf den Fährverkehr im Kanal von Korfu und mit Vollmond…und mit einem kaputten Liegestuhl am Ufer, den Torsten und Kathrin aus unserem Blickfeld entfernen, auf das nichts, aber auch gar nichts unsere gute Laune trüben möge!

07.09.1998

Montag, 07. September 1998

Montag, 07.09.98 – Wenig Wind aus der falschen Richtung… Nach der morgendlichen Schwimm- und Schnorchelrunde soll ich bei ein bis zwei Bft. aus Nordwest nach Nordwest segeln. In drei Stunden führt das zu sagenhaften sechs Seemeilen nach Luv… der Rest bis nach Othonoi muß leider motort werden. Macht aber auch nichts, weil so Zeit bleibt, das neue kleine Sonnensegel auszuprobieren. Wolfgang hat es so schneidern lassen, daß man es einerseits zum Vergrößern des großen Sonnensegels benützen kann, falls die Sonne mal von achtern oder von der Seite kommt, und daß man es andererseits beim Segeln alleine und ohne den Großbaum aufspannen kann. Funktioniert prima! Müßt Ihr Euch mal angucken. Und ganz in Galateia-Rot! Nach dem Abendessen in einer Taverne in Ammos Othonoi erfindet Maria eine neue Olympische Disziplin: den Einer mit drei Steuerfrauen! Wolfgang findet’s auch lustig und rudert seine drei Steuerfrauen bei Mondaufgang weiter durch die stille Hafenbucht…

08.09.1998

Dienstag, 08. September 1998

Dienstag, 08.09.98 – Eine lange Dünung aus dem Süden läßt die Nacht schaukelig werden. Und um 08:00 Uhr ist auch der Wind dazu da. Vier bis fünf Windstärken aus Südost! Lipso kurz an Land rudern, die Segel klar zum Setzen halten, die Pantry seefest aufräumen und den Anker aufholen, dauert alles zusammen keine halbe Stunde und ab geht die Post – Kurs West! Und wenn ich schonmal ausnahmsweise wirklich ein Stück nach Westen segeln darf, dann bin ich nicht zu halten. Und wenn der Skipper bei drei Meter hohem Seegang vergißt, sein Lokusluck ordentlich zu schließen, dann ist das sein Problem. Der Wind legt auf der Hälfte der Straße von Otranto noch mal zu, der Geschwindigkeitsrekord wird neu aufgestellt und liegt jetzt bei 9,2 Knoten, die Mannschaft wird gepökelt, Richard hat glänzende Augen am Ruder, lediglich das Anzünden seiner Zigaretten muß der Skipper übernehmen. Katrin glaubt jetzt auch, daß ich nicht kentern kann und Maria wird doch nicht seekrank, obwohl sie sich das eigentlich fest vorgenommen hatte. Dorothea läßt sich in den Schlaf wiegen und Torsten lernt das Reffen. Leider sinkt die Reisegeschwindigkeit trotzdem nicht unter acht Knoten, und nach gut sieben Stunden sind wir 54 Seemeilen weiter, nämlich in Santa Maria di Leuca, ganz unten am Absatz vom Stiefel. Eigentlich sogar schon nach sechs Stunden wegen der Zeitverschiebung von OESZ auf MESZ, aber wir wollen’s mal nicht übertreiben mit der Rekordfahrerei. Beim Anlegen wird der Webeleinstek geübt: Erster Versuch: Vier Fender Backbord, vier Fender Steuerbord, da sollte doch irgendwo an den neuen Schwimmstegen ein Platz mit Mooring für uns frei sein, …nein? Zweiter Versuch: Alle Fender Steuerbord zum Längsseitsanleger am äußersten Steg! Zuviel Schwell? …ja , zuviel! Dritter Versuch: Alle Fender Backbord zum Längsseitsanleger auf der geschützten Hafenseite, da vorne an das Fischerboot mit dem blauen Streifen! Vierter Versuch: Nix mit „Vierter Versuch“! Die Fischer sind total nett, helfen uns beim Anlegen und reichen uns zur Stärkung erst mal ein paar Kaktusfeigen. Und sie legen nicht mehr ab, sagen sie, zuviel Wind …!

09.09.1998

Mittwoch, 09. September 1998

Mittwoch, 09.09.98 – Tiefdruckgebiete, die sich im Golf von Lyon bilden, ziehen üblicherweise von dort über Mittel- und Süditalien nach Griechenland. Vor dem Tiefdruckgebiet hat Süditalien dann Südwind (Scirocco), danach Nordwest (Maestrale). Wenn das Tief gerade in Süditalien angelangt ist, wartet man die Gewitter besser im Hafen ab: Hafentag in Leuca! Die Crew wallfahrtet zur Wallfahrtskirche oben auf dem Kap. Wolfgang beschummelt ein Diaramagerät mit einer 20-Drachmen-Münze und erfährt, daß der Papst auch schon da war. Maria stiftet eine Kerze, und nachdem also die Seelen geläutert sind, müssen nur noch die Mägen gefüllt werden. Leuca ist eigentlich eine Ansammlung verspielt gebauter Villen aus der Zeit um die Jahrhundertwende, heute macht das einen sehr ausgestorbenen Eindruck. Aber eine tolle Trattoria wird trotzdem entdeckt. Fisch gibt es heute als Secondi, vorher natürlich Antipasti nach Art des Hauses (eingelegtes Gemüse, Sardellen, etwas Auflauf …) und Nudeln als Primi! Lecker! Hinterher einen Grappa und dann noch einen vom Küchenchef und dann noch Ouzo an Bord, weil Dorothea und Richard ihre Bluesharps auspacken und der Skipper dazu auf der Klampfe spielt. PS Herzlichen Glückwunsch nachträglich, liebste Schwester

10.09.1998

Donnerstag, 10. September 1998

Donnerstag, 10.09.98 – Der Fischer will nun doch raus. Um 05:30 Uhr. Wir verholen an den Schwimmsteg gegenüber, bunkern Wasser und fahren gleich hinterher. Sonnenaufgang auf See ist ja sooo romantisch! Aber der versprochene Maestral entschädigt uns, auch wenn morgens der Seegang aufgrund der alten Dünung aus Süd noch nicht so angenehm ist. Irgendwann haben dann alle ausgeschlafen und Torsten fängt einen Thunfisch! Lebendig! Das wird sofort geändert und der nun tote Thunfisch kommt in Knoblauchöl in den Kühlschrank, wo er auf ein paar Leidensgenossen (hoffentlich) warten soll. Der Segeltag wird herrlich, blauer Himmel, kühle Luft, wieder vier bis fünf Beaufort und wieder aus der richtigen Richtung, raumschots über den Golf von Tarent. Und deshalb wird weiter in die Nacht gesegelt, Sizilien ruft! Die Wachen werden eingeteilt, Wolfgang macht noch mal eine Sicherheitseinweisung und der Tag endet schon im Schutze Kalabriens.

11.09.1998

Freitag, 11. September 1998

Freitag, 11.09.98 – 11.09.98 „Gustav“ übernimmt das Ruder, Kalabrien schützt uns leider zu gut! Unter Maschine und Autopilot vergeht der Großteil des Tages, zwischendurch wird immer mal wieder gesegelt, aber es bleibt ein ruhiger Tag. Mehrfach beißen Thunfische an, aber leider können sich alle wieder befreien. Aus dem einsamen Exemplar wird deshalb von Richard, Torsten und Wolfgang ein Risotto gebastelt. Merke: Viele Köche verderben den Brei, aber nicht das Risotto! Zwischendurch haben wir Funkkontakt mit dem NATO-Forschungsschiff Alliance, weil wir auf Kollisionskurs liegen. Dabei stellt sich heraus, daß an Bord nur Engländer sind, obwohl das Schiff unter deutscher Flagge läuft. Außerdem ist der Funker der Alliance merkwürdig kurz angebunden. Ob die Engländer das Schiff wohl gekapert haben? Kann das mal jemand herausfinden!? Bei Sonnenuntergang liegt der Ätna vor meinem Bug, das sieht unheimlich schön aus, wie der rote Ball neben dem riesigen Berg untergeht! Versuch einer zeichnerischen Lösung: /. (Links soll der Ätna sein, rechts daneben der Punkt ist die Sonne!) Im Hafen von Naxos (War ja alles mal griechisch hier!) entsalzt sich die Crew auf der Badeplattform, dann gibt es eine Pizza in der nächsten Kneipe und dann fallen alle müde in die Kojen, 38 Stunden auf See waren doch anstrengend … Taormina wird erst morgen besichtigt!

12.09.1998

Samstag, 12. September 1998

Samstag, 12.09.98 – Taormina wird den ganzen Tag lang besichtigt. Das lohnt sich aber auch! Die Altstadt klebt förmlich auf einem steilen Felsen am Fuß des Ätna, die Griechen haben ein schönes Amphitheater hinterlassen, überall locken Cafés und Restaurants mit Blick auf mich oder auf den Vulkan … Es wird zu spät zum Ablegen. Außerdem ist die eine Hälfte der Crew nicht einsatzfähig: Zwei Frauen, die nicht namentlich erwähnt werden wollen, haben sich bei der Ernte frischer Kaktusfeigen die Hände gepierct und müssen stundenlang mit dem Enthaarungspflaster der dritten Frau an Bord, die aber ebenfalls nicht namentlich genannt werden will, entstachelt werden.

13.09.1998

Sonntag, 13. September 1998

Sonntag, 13.09.98 – 13.09.98 Die Kulisse ist toll, die Sonne scheint, zwanzig Meilen herrliches Segeln nach Acitrezza. Die Zyklopen haben der Sage nach hier ein paar Steine ins Meer geworfen, und zwischen diesen bizarren Felsen liegt der Hafen. Sonst sieht alles nach einem ruhigen, kleinen Fischer- und Ferienort aus. Bis 18:00 Uhr. Da geht das erste Feuerwerk los, und zwar genau am Molenkopf gegenüber. Um 18:00 h ist es natürlich noch gar nicht dunkel, aber das macht ja nichts, weil um 21:00 Uhr und um 24:00 Uhr noch mal Feuerwerk ist! Zwischendurch wird eine Madonnenstatue durch die Gassen getragen, dazu gibt es Blasmusik und alles, was zu einer zünftigen Kirchweih gehört. Bei den Böllerschüssen gehen jedesmal die Alarmanlagen sämtlicher Autos los, das hebt die Stimmung noch weiter. Mir zittern die Schotten, morgen bitte wieder etwas ruhiger.

14.09.1998

Montag, 14. September 1998

Montag, 14.09.98 – Westwind, sechs Beaufort, Kurs Süd, keine Wellen, wir überholen einen Frachter! Nein, der lag nicht vor Anker! Und der kam uns auch nicht entgegen. Wir haben ihn einfach überholt, Maria war am Ruder! Und deshalb gibt es in Syracus den Anlegeschluck aus den guten Gläsern! (Und weil beim Anlegen niemand ins Wasser gefallen ist, aber das ist eine private Geschichte …) Der Abend verläuft etwas ruhiger als in Acitrezza, heute ist „nur“ ein Festival für ethnische Musik der Mittelmeerländer, deshalb wird die Mannschaft „nur“ unter Flötenspiel und nicht mit Blaskapelle ins Restaurant geleitet.

15.09.1998

Dienstag, 15. September 1998

Dienstag, 15.09.98 – Morgens machen wieder alle in Kultur: Das „Ohr des Dionysos“, das griechische und das römische Theater, die dorischen Säulen im Dom, … Aber Sizilien ist hier fast zu Ende, also muß endlich mal wieder ein Stück Strecke gesegelt werden. 90 Meilen sind es noch bis Malta! Nachmittags wird abgelegt, Abendessen gibt es noch unter der Küste Siziliens, aber ab 21:00 Uhr ist nach Nordwesten Platz bis nach Spanien, und das läßt uns der Wind merken, da kommt er nämlich her. Das gute an Nachtfahrten ist, daß man die Wellen nicht so sieht… Um 03:00 Uhr am

16.09.1998

Mittwoch, 16. September 1998

Mittwoch, 16.09.98 – bergen Richard und Torsten das Großsegel komplett, zweimal gerefft war es schon… Entweder könnt ihr Euch jetzt vorstellen, wie das so ist bei Starkwind nur mit der Fock unterwegs, oder eben nicht. Beschreiben kann man das nicht so gut. Als Rudergänger hat man den Kompaß vor sich, die Sterne über sich und das Dröhnen der Wogen in sich. Mehr passiert nicht, aber das reicht. Vor der Hafeneinfahrt von Mgarr auf Gozo streikt der Motor, wir haben wohl in Griechenland total versifften Diesel gebunkert. Das interessiert den Oberzöllner aber gar nicht, er ist nämlich sauer, weil die maltesische Gastlandflagge nicht vor der Hafeneinfahrt gesetzt wurde, weil wir nicht auf seinen Funkspruch geantwortet haben, weil wir am falschen Platz liegen und weil sich ein wahrscheinlich total kontaminiertes, vierbeiniges Lebewesen (Lipso) von Bord begeben hat. Und Wolfgang schafft es, freundlich zu bleiben! Helfen hätten sie sollen, die Hafenbehörden, wenn sie uns schon so genau beobachtet haben! Schlafen wir erst mal eine Runde drüber, das tut Not nach der Nacht…

17.09.1998

Donnerstag, 17. September 1998

Donnerstag, 17.09.98 – Nein, in eine Bucht darf Lipso auch nicht. Also Hafentag. Außerdem muß der Dieseltank gereinigt werden, die Crew macht derweil Gozo mit Bus und Taxi unsicher. Zum Abendessen verholt sich die ganze Mannschaft nach Xlendi, da gibt es ein Restaurant, in dem auch schon Richard von Weizsäcker gespeist hat, muß ja wohl gut sein. Ich passe inzwischen auf die tollwütige Bestie auf…

18.09.1998

Freitag, 18. September 1998

Freitag, 18.09.98 – Die letzten 19 Meilen, das letzte Ankermanöver. In Valetta ist kein Platz in einer der Marinas, außerdem darf Lipso ja nicht an Land und wir liegen aber schön mitten im Lazaretto Creek unter den Mauern der Festung. Wolfgang verbringt Stunden bei Zoll, Polizei und Tierarzt. Amtliches Endergebnis: Lipso ist gesund, DM 400,- teurer und darf morgen mit einem Zollwächter als Begleitung vom Schiff zum Flughafen transportiert werden. Wolfgang und Maria sind vorsichtshalber verlobt und ich habe einen Agenten, der dafür sorgt, daß die Zöllner sich in ihren Vorschriften auskennen. Alles klar?! Abendessen? – Verlobungsfeier!

19.09.1998

Samstag, 19. September 1998

Samstag, 19.09.98 – Logbucheintrag: 08:08 Uhr: Skipper W. zu Maria: „Guten Morgen, Schatzi!“ Lipso fliegt mit der alten Crew nach Deutschland und bewacht seine Briefwahlunterlagen. Die sind nämlich mit der neuen Crew gekommen. Bei einem Stück Torte im Café der Abflughalle wählt es sich auch besser als in den muffigen Kabinen in Deutschland. Dietrich Eberts, Wolfgang Weber (wirklich!) und Christian Euringer bunkern am Nachmittag schon mal Lebensmittel und machen später mit dem Skipper einen Männerabend, die einzige Frau beim nächsten Törn kommt nämlich erst morgen.