Von Odessa nach Odessa

27.07.2005

Mittwoch, 27. Juli 2005

Mittwoch, 27.07.05 – Die allerletzten Vorbereitungen laufen an: noch mal schnell durch die Pantry wischen, die letzten Krümel aufsaugen und dann in Ruhe auf die neue Crew warten. Und so gegen 15.30 h kommen sie nach wilder Taxifahrt an: Conny Schröter (zuletzt in Neuseeland hier an Bord, außerdem beim Willkommenstörn letzten Herbst auf einem der Partyschiffe!) und Franz Münch (noch nie bei mir an Bord gewesen, das gibt es auch manchmal!), Willkommen an Bord! Zwischendurch kommt auch die Bettwäsche aus der Wäscherei zurück, der Großeinkauf wird auch schon rasch erledigt, dem Abendspaziergang durch die Altstadt steht also nichts mehr im Wege!

28.07.2005

Donnerstag, 28. Juli 2005

Donnerstag, 28.07.05 – Rosi hat letzte Woche Ina kennen gelernt, die odessiter Germanistik-Studentin macht heute eine prima Stadtführung mit Connie und Franz, so vergeht die Zeit schnell, bis auch Dagmar Walddobler (zuletzt in der Biskaya an Bord – und natürlich beim Willkommenstörn letzten Herbst Connie kennen gelernt!) nach noch wilderer Taxifahrt eintrifft und meine Mannschaft damit komplett ist. Eine Hose wird noch aus der Wäscherei nachgeliefert, und Wolfgang entführt die Crew zum Abendessen in ein Viertel, das Ina bei ihrer Stadtführung auslassen musste, so kommen alle doch noch über die Schwiegermutterbrücke und in den Norden der Stadt.

29.07.2005

Freitag, 29. Juli 2005

Freitag, 29.07.05 – Wolfgang stellt fest, dass die Socken und ein Hemd fehlen, kann sich aber um die Aufklärung des Falls nicht kümmern, weil er für ein paar Stunden in den Büros der Behörden feststeckt, schließlich wollen wir ablegen, stamp and sign, abstempeln und unterschreiben, auch, wenn es nur von der Ukraine in die Ukraine geht…
Mit der Warnung im Ohr, auf keinen Fall die 12-Meilen-Zone zu verlassen, verlassen wir um 15.00 h den Hafen und ein paar Stunden später die 12-Meilen-Zone, schließlich passt der Süd-Südwestwind prima für unseren Südost-Kurs! Da eiern wir doch nicht riesige Umwege auf Legerwall an der Nordküste entlang…
Herrliches Wetter, leichter, schöner Wind, glattes Wasser, einer wunderbare Nachtfahrt, einfach immer geradeaus!

30.07.2005

Samstag, 30. Juli 2005

Samstag, 30.07.05 – Ein paar Ölplattformen, morgendliche Flaute und dann ein paar gemütliche Stunden zum Schwimmen und Schnorcheln (Connie unerschütterlich!) in der Bucht am Kap Tarkhankut, dem westlichsten Punkt der Krim. Weil die Behörden uns gestern so lange aufgehalten haben, schaffen wir es heute auf keinen Fall bis nach Balaklava bzw. Sewastopol. Macht nichts, nach der Pause kommt der Anker wieder an Deck, der Wind frischt auch wieder auf und mit ablandiger Brise geht es die Küste entlang nach Süden.

31.07.2005

Sonntag, 31. Juli 2005

31.07.2005Sonntag, 31.07.05 – Die zweite Nachtfahrt wird noch schöner als die erste, eine riesige Delfinschule kommt zum Wecken vorbei, und um 08.45 h liegt die Hafeneinfahrt von Sewastopol vor meinem Bug. Wolfgang macht den Fehler, uns bei den Behörden anzumelden: Schlafende Hunde soll man nicht wecken! Wir bekommen Hafenverbot, weil gerade die Parade der Schwarzmeerflotte beginnt, wie jeden letzten Sonntag im Juli: der Hafen ist gesperrt. Meinen Skipper fuchst es zwar, das eine einheimische Yacht davon unberührt vor seiner Nase in den Hafen fährt, aber wir müssen nördlich ankern, was wegen des Nordostwindes, Rasmus sei Dank, gut geht. Beim Frühstück hört der Skipper immer mit seinem russisch-verstehenden linken Ohr den Funkverkehr ab, wo wir anscheinend zwischen den verschiedenen Behörden zum Thema geworden sind, und plötzlich bekommen wir die Erlaubnis, nach Balaklava zu segeln, wir sollen uns nur von den Kriegsschiffen fernhalten! „Machen wir immer!”, sagt Wolfgang, Anker auf und weiter. Zwei russische Landungskatamarane preschen gerade aus der Hafeneinfahrt, aber dann kommt anscheinend niemand mehr, also kreuzen wir leicht schräg das Fahrwasser. Aber dann geht es erst richtig los, im Hafen wird mit Übungsmunition aus allen Rohren geballert, bis Sewastopol wie bei einer der beiden großen Belagerungen komplett im Pulverdampf verschwindet, über uns kreisen Hubschrauber und Bomber, und Kreuzer, Zerstörer, ein U-Boot, Truppentransporter etc. kommen dutzendweise hinter mir aus der Hafeneinfahrt! Da war ich kurzzeitig mal eben das dritte Schiff in der Parade!!! Nun ja, Ehre, wem Ehre gebührt…
Connie und Dagmar setzen gut eingegeübt die Segel, eine Halse am Kap Kershones, zehn Meilen unter der schönen Steilküste im Süden der Krim entlang, und dann in die Marina von Balaklava, da kennt man mich ja schon. Und außerdem: da wollten wir eigentlich sowieso hin, das war aber laut odessiter Behörden ohne Behördengänge in Sewastopol nicht erlaubt?!!
Meine Mannschaft hat noch genug Energie, um die Genueser Festung zu besichtigen, abends freut sich der Kellner im Restaurant über ein Wiedersehen und empfiehlt wieder die besten georgischen Spezialitäten. Und den besten Wodka…

01.08.2005

Montag, 01. August 2005

01.08.2005Montag, 01.08.05 – Landausflug mit Chauffeur, und ich muss wieder im Hafen bleiben. Darf nicht die Felsenkirche von Foros besichtigen, mit Europas längster stützenfreier Seilbahn auf den Ai Petri hinaufgondeln, den Alupka-Palast mit all seinen Baustilen bewundern, im Livadia-Palast einen Hauch Geschichte erspähen (wörtlich zu nehmen, weil schon geschlossen und nur über Wärterbestechung via Innenhof zugänglich…) und Jalta genießen. Obwohl, zu genießen gibt es in Jalta für Yachten ja nichts, eben weil der Hafen so ungeschützt und laut ist, findet der Besuch ja per Auto statt!

02.08.2005

Dienstag, 02. August 2005

Dienstag, 02.08.05 – Der nächste Landausflug mit Chauffeur, heute in die Höhlenstadt Cufut Kale, zum Uspenski-Kloster, nach Bachcisaraj in den Khanspalast, eine Wasserpfeife zum Mittagessen, weiter zum Grand Canyon der Krim und mit dem letzten Licht wenigstens noch ein Blick über den See hinüber zur zweiten Höhlenstadt, Mangup Kale. Und dann mal wieder todmüde in die Kojen!

03.08.2005

Mittwoch, 03. August 2005

Mittwoch, 03.08.05 – Im Zusammenhang mit den Flottenfestivitäten am Sonntag ist ein weitere großer Teil der U-Boot-Anlagen in Balaklava der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden: in den ehemaligen Lagerstätten für Atomsprengköpfe befindet sich jetzt eine Ausstellung über die Schwarzmeerflotte, außerdem ist das ganze unterirdische Gelände jetzt in seiner vollen Weite begehbar, weil über den Kanal eine kleine Fußgängerbrücke gebaut wurde. Beeindruckend, auch, vielleicht gerade für friedliebende Segler.
Franz fährt das Ablegemanöver, mit unsteten, umlaufenden Winden geht die Reise, diesmal wirklich nach Sewastopol. Wenn man die Anzahl der heute gesegelten Meilen (neunzehn) durch die vier Behördenfunkkontakte (zwei beim Ablegen, einer unterwegs, einer zum Anlegen) teilt, erhält man 4,75 als Behördenfunkkontaktsdichtigkeitskoeffizienten, das bist m. E. Weltrekord. Im internationalen Yachtclub auf dem Gelände des Schwarzmeerflottenyachtclubs werden wir entsprechend herzlich begrüßt, nette Menschen reichen die Muring herüber, helfen mit den Achterleinen und zeigen dem Skipper, wo er für heute das letzte Dokument ausfüllen muss!
Anschließend entspannter Stadtbummel, Speisekarten gelten nicht als Formular…

04.08.2005

Donnerstag, 04. August 2005

Donnerstag, 04.08.05 – Nach dem Frühstück holt ein englisch sprechender Taxler meine Mannschaft ab und bringt sie zum Küstenwachenstützpunkt im Westen der Stadt. Dort muss ein Formular ausgefüllt werden, für morgen, zum Ablegen. Der Wachhabende ermahnt meinen Skipper dann mal wieder, die 12-Meilen-Zone nicht zu verlassen – und sich alle zwei Sunden bei der Küstenwache zu melden. Da mir für die 170 Meilen bis Odessa sechs Tage Reisezeit zugestanden werden, soll dieses Mal wohl der Behördendauerfunkkontaktsweltrekord (der Behördenfunkontaktsdichtigkeitskoeffizient wäre bei meiner üblichen Reisegeschwindigkeit von fünf Knoten ja nur zehn!) gebrochen werden, wir versuchen es gerne!
Zu Fuß werden dann die Sehenswürdigkeiten angesteuert: zuerst das „Panorama”, ein gewaltiges Rundgemälde, das die Verteidigung der Stadt im Krimkrieg 1854-55 bedrückend illustriert. Danach die Kirchen und Museen, die Boulevards und Promenaden…und die Schuhgeschäfte…

05.08.2005

Freitag, 05. August 2005

Freitag, 05.08.05 – Für 15.00 h steht im Logbuch: „Alles prima, nur keine Logbucheinträge!” Stimmt. Aber so geht es an besonders schönen Tagen: Morgens wird noch schnell das Ablegemanöver eingetragen, aber mit dem Wind in den Segeln kehrt Ruhe ein. Wer nicht zur Wache eingeteilt ist, liest ein Buch oder bereitet eine leckere Mahlzeit vor. Oder genießt den Tag wie er ist. Zum Sundowner gibt es Krimsekt, zur Nacht wird die Fock gegen die Rollgenua gewechselt, damit bei mehr oder weniger Wind niemand in der Nacht zum Segelwechsel auf das Vorschiff muss. Kurz vor Mitternacht liegt Kap Tarkhankut an Steuerbord querab, Abschied von der Krim!

06.08.2005

Samstag, 06. August 2005

Samstag, 06.08.05 – Morgens flaut der Wind hier gerne ab, für ein paar Stunden schiebt mich der Motor, dann übernehmen die Segel wieder. Ein halbes Dutzend Schwäne kündigt die Nähe von Land und Süßwasser an, ein Solardusche-über-Bord-Manöver wird schnell und erfolgreich durchgeführt, und wenig später fällt der Anker hinter der Fahrwassertonne Nr. 15 im Schutz der langen Halbinsel, die den Südteil der Bug- und Dnjepr-Mündung bildet. Wolfgang klimpert auf der Gitarre, ansonsten hört man nur das Kreischen der Möwen und Seeschwalben.

07.08.2005

Sonntag, 07. August 2005

Sonntag, 07.08.05 – Am Ufer werden die ersten Badegäste ausgeladen, ein Kutter nach dem anderen bringt dann im Pendelverkehr Urlauber vom Festland hierher. Die meisten Dampferkapitäne machen noch einen kurzen Abstecher an meinem Liegeplatz vorbei, da sind wir mal wieder Touristenattraktion. Higgins, unsere „Fähre” bekommt den Außenborder angeklemmt, und dann mischt sich meine Mannschaft zum Strandspaziergang unter die Badegäste.
Am Nachmittag ballen sich dunkler Gewitterwolken zusammen, deshalb werde ich drei Meilen flussaufwärts in den kleinen Industriehafen von Ocakiv verholt. Viel trostloser kann ein Hafen nicht aussehen! Trotzdem ist der übliche Papierkram zu erledigen, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser…
Connie und Dagmar erkunden das etwas abseits liegende Städtchen, und am Abend gehen Franz und Wolfgang dann auch mit ins „Zentrum”. Und Wolfgang staunt: Hier sieht es noch genau so aus wie zu Sowjetunionszeiten! Keine Leuchtreklame, kaum Straßenbeleuchtung, zwei verfallende Betriebe (eine Bäckerei, eine Kelterei), zwei Kneipen, aber nur in der Disco gibt es was zu essen! Rückfahrt im Lada „Wolga”, dessen Fernlicht nur durch schwere Schläge unter das Armaturenbrett eingeschaltet werden kann.
Im Süden blitzt und donnert es ohne Unterlass, vielen Dank für den Wetterbericht per SMS von Roland!

08.08.2005

Montag, 08. August 2005

08.08.2005Montag, 08.08.05 – Wind (fünf Beaufort) und Welle (zwei Meter) aus West-Südwest. Wenn wir da nicht hin wollten… Wir machen aus der Not eine Tugend und teilen das Aufkreuzen in zwei Hälften: Heute auf Backbordbug bis hinter Kap Tendrov, und morgen auf Steuerbordbug nach Odessa! Kleine Fock, ein Reff im Großsegel, drei Stunden Am-Wind-Kurs, mal was anderes als die leichten Brisen der letzten Wochen!
Die Tendrov-Halbinsel ist Naturschutzgebiet, Wildpferde gibt es hier, und natürlich Vögel ohne Ende. Außerdem am Ende der Landzunge ein Militärcamp, und auf Höhe meines Ankerplatzes eine ehemalige Forschungsstation für Hydrografie. Vier „Überlebende” bewachen den Zerfall der Anlagen, zusammen mit dem weiterhin gewittrigen Himmel ist die Stimmung ziemlich morbid!
Am Abend erwischt uns dann das Unwetter, Blitz und Donner, unglaublicher Regen, stürmische Böen und am Anfang sogar Seegang, bis der Wind wieder auf Südwest dreht und damit ablandig weht. Und als der Spuk vorbei ist, kann meine Crew sogar wieder im Cockpit zu Abend essen und den Sonnenuntergang genießen!

09.08.2005

Dienstag, 09. August 2005

Dienstag, 09.08.05 – Am Horizont sieht man die Brecher über die Kimm laufen, da hat der Skipper es nicht wirklich eilig mit dem Ablegen… Einmal draußen wird es aber doch ein richtig schöner Segeltag, nach und nach läst der Wind nach – und am Abend ist Flaute!
Connie fährt in der Marina in Odessa den letzen Anleger nach 436 Meilen, und ausnahmsweise fallen die Formalitäten kurz aus, weil ich ja schon mal da war – und weil die Zöllnerin mit ihrem Minirock und den Stöckelschuhen nicht über meine Seereling kommt! Zum Abschiedsessen geht es in die Deribassowskaja -Odessas Flaniermeile! Und ganz zum Schluss kann man hier stilvoll bei Wasserpfeife, Kaffee und Wodka den ganzen abenteuerlichen Törn noch mal schön Revue passieren lassen!

10.08.2005

Mittwoch, 10. August 2005

Mittwoch, 10.08.05 – Wolfgang verschläft den ersten Teil der Putzaktion. Und das noch nicht mal in seiner eigenen Koje! Soll aber nicht wieder vorkommen, sagt er…
Viel Freizeit hat er ja an Crewwechseltagen nicht, mein Skipper! Kaum sitzen Dagmar, Connie und Franz im Taxi zum Flughafen (Gute Reise, und hoffentlich bis nächstes Jahr!!!), kommen Bettina, Nico, André und Robin (Wolfgangs Patenkind) mit dem Taxi vom Flughafen! Willkommen an Bord!
Der Großeinkauf wird auch per Taxi erledigt, meine Crews sollten eigentlich so langsam Sonderrabatt bei den Taxlern bekommen!
Nach Nudeln mit Tomatensoße beziehen die Siepmänner und -frau die Kojen, hoffentlich träumen sie nicht von der Strandung im letzten Jahr…